LEBEN
Friedrich Roth (* 17. November 1900 in Döbra, Oberfranken; † 20. Dezember 1982 in Naila, Oberfranken) war ein evangelischer Pfarrer und Komponist.
"Döbra war einst ein kleiner, weltverlassener Ort im Frankenwald, genannt nach dessen höchstem Berg, dem Döbra, der in der alten, wendischen Sprache "Berg" bedeutet.
Dort wohnten damals Ende des 19. Jahrhunderts Kleinbauern, Weber und einige Geschäftsleute, geschaart um eine im neugotischen Stil erbaute Kirche, Pfarrhaus und Kantorat mit Schule....
Zur Pfarrei Döbra gehörten verschiedene kleine Dörfer, Weiler und Einzelhöfe, alle von Wald umgeben.
Die Kinder besuchten die Schule in Döbra (was im schneereichen Winter keine Kleinigkeit war) und Groß und Klein den sonntäglichen Gottesdienst."
(aus den Lebenserinnerungen der ältesten Schwester von Friedrich Roth, Erika Fürst, aufgeschrieben im Oktober 1988)
In Döbra wurde Friedrich Karl Roth am 17. November 1900 als Sohn des königlichen Pfarrers Albrecht Roth und seiner Ehefrau Christiana Friederike, geb. Kimmel von Neu-Ulm geboren und am 4. Dezember 1900 dahier nach ev.-luth. Ritus getauft.
Friedrich Roth war das fünfte Kind und der erste Sohn der Pfarrfamilie, der insgesamt neun Kinder geschenkt werden sollten.
Sein Vater Albrecht Roth ( 1866-1951) entstammte einer Familie in Marktsteft am Main. Später war er nach seiner Tätigkeit in Döbra als Pfarrer in Schauenstein tätig, danach als Dekan in Michelau.
Friedrich Roths Mutter war Friederike (Frieda) Roth, geb. Kimmel (1864-1955). Ihr Vater, Carl Stanislaus Kimmel (1831-1875) war ebenfalls Pfarrer, u. a. in Regensburg, Landshut und Neu-Ulm. Nach dessen frühem Tode siedelte ihre Mutter (Elise Kimmel, geb. Braun - 1843-1930) nach München über, um mit ihren 4 Kindern im großfamiliären Umfeld ihrer Herkunftsfamilie sicherere Bedingungen zu nutzen. Ihre Mutter entstammte u.a. der Färberfamilie Braun aus Öttingen, über die auch heute noch in einem eigenen Raum im dortigen Heimatmuseum berichtet wird. Ihr Großvater Ludwig Braun (1808-1900) war Oberappelationsgerichtsrat in München.
Die Mutter prägte die Herkunftsfamilie von Friedrich Roth mit den kulturellen Erfahrungen aus dem gehobenen Bürgertum stark.
Auf dem Bild oben sieht man Kirche und Pfarrhaus von Döbra, in der Mitte Friedrich Roth im Kreis der Geschwister und unten aufgereiht von rechts nach links mit den Geschwistern Erika (6.5.1896), Maria (21.7.1897), Luise (29.7.1898), Frieda (5.9.1899), dann Friedrich und neben ihm Margarethe/ Meta (7.2.1902)
"Im Mai 1908 wurde Vater (Albrecht Roth) nach Schauenstein versetzt, das uns schon immer freundlich zugewinkt hatte, wenn wir vom Studierzimmer aus Schloß und Kirche des vom Wald umgebenen Städtchens auf dem gegenüberliegenden Berg sahen.
Es gab dort mehrere Schulen, ein geräumiges Pfarrhaus mit großem Hof und Garten und einer richtigen Bauernscheune.
Im Garten zog Mutter Gemüse und Beeren. Vater pflanzte Obstbäume und Sträucher.
Auf den Rat von Kantor Kreuzer fing er mit der Bienenzucht an, die den guten Honig lieferte, der für den Haushalt eine große Bereicherung und später in der Kriegszeit eine unbezahlbare Hilfe war.
Uns Kindern hat die kleine Stadt sehr imponiert mit dem großen Marktplatz, den verschiedenen Läden, den selbstbewussten Bürgern." (wiederum Erika Fürst Lebenserinnerungen - weiter unten werden von Friedrich Roth gezeichnte Skizzen aus dem Pfarrhaus zur Zeit seiner Jugend im Kapitel Maler und Zeichner gezeigt)
"Nachts zog ein Nachtwächter durch die stillen Straßen und sang seine Weisen:
"Hört Ihr Herrn und laßt Euch sagen, uns´re Glock´ hat 10 geschlagen."
Das war für alle der Schluß für die Wirtshausfreuden.
Wir denken an die Schauensteiner Zeit mit viel Freude und Heiterkeit zurück." (erneut Erika Fürst, Lebenserinnerungen)
Für Friedrich Roth wurde Schauenstein auch ein zentraler Ort seiner Kindheitsprägung.
Seine Konfirmation feierte er hier im Kreis der Großfamilie: (Bild oben)
1. Reihe unten: Hedwig Roth (später verheiratete Bock), Albrech Roth und Theodor Roth (jüngere Brüder)
2. Reihe: Großvater Roth (Marktsteft), Albrecht Roth (Vater), Frieda Roth (geb. Kimmel/ Mutter), Großmama Elise Kimmel (geb. Braun)
3. Reihe: Meta Roth (ältere Schwester), Friedrich Roth als Konfirmand, Luise Roth (ältere Schwester), Tante Julie Kimmel (Frau des Onkels von Friedrich Roth, Karl Kimmel der nach seinem Vater und vor ihm die Pfarrstelle in Schauenstein inne hatte), Maria Roth (ältere Schwester), Schwester von Albrecht Roth, Erika Roth (später verheiratete Fürst) und Frieda Roth (später verheiratete Kreuzer) beide ältere Schwestern.
Friedrich Roth besuchte nach einer ersten pro-gymnasialen Phase in Windsbach das Gymnasium in Ansbach.
Er wurde jedoch 17-jährig, ein Jahr vor Ende des 1. Weltkriegs eingezogen und erlebte den Horror der Vernichtung. Er musste eine Vielzahl von Schulkameraden im Feld sterben sehen und kam traumatisiert von den Erlebnissen nach Kriegsende nach Hause. Ein Jahr lang konnte er gezeichnet von den Schrecken des Krieges nicht sprechen, regenerierte sich dann aber wieder und konnte sein Abitur in Ansbach absolvieren.
Im Anschluss war er zunächst als Präfekt in Windsbach tätig. Dazu unten mehr, wenn auf das musikalische Schaffen von Friedrich Roth eingegangen wird.
Er studierte schließlich evangelische Theologie in Erlangen und Rostock und absolvierte sein Vikariat in Marktleuthen und Rehau. Friedrich Roth war ein kritischer Geist und verfolgte einen aufgeklärten Ansatz der Exegese. Im Mittelpunkt seines theologischen Interesses und seiner späteren Verkündigung im Pfarramt stand die neutestamentliche Rechtfertigungslehre.
Es folgte ein Ruf nach Weißenstadt, wo er 1931 die zweite Pfarrstelle antrat und bis 1946 inne hatte.
"In diesem Städtchen sollte nun mein Traum vom eigenen Pferd in Erfüllung gehen. Freilich nicht von heute auf morgen. Vor allem fielen dazwischen zwei auch in diesem Zusammenhang nicht ganz belanglose Begebenheiten: meine Verlobung und Verheiratung..." (aus Friedrich Roth, "Der Stall war leer - Erinnerungen eines Pferdefreudes")
Nach seiner Verlobung (Bild rechts) ebenfalls im Jahr 1931 heiratete Friedrich Roth am 4. Mai 1933 in Bad Steben Marie-Luise Kipp aus Coburg, mit der er später neun Kinder hatte. Ihr Vater entstammte einer angesehenen Bürgerfamilie, die enge Kontakte zur herzoglichen Familie pflegte, u.a. in der Funktion des Hofzahnarztes und herzoglichen Rats, die der Großvater von Marie-Luise Friedrich Kipp (1838-1894) inne hatte. Ihr Vater, Friedrich Kipp (1867-1917), war u.a. Pfarrer an der Hauptkirche St. Moritz in Coburg. Die Mutter von Marie-Luise Roth entstammte der Familie Schubarth aus Rodach bei Coburg. Der Großvater Johann Schubarth (1859-1940) war Staatsbankrat in Coburg, seine Frau Frieda, geb. Voith (1860-1945) stammte auch aus einer Pfarrersfamilie und war Tochter von Pfarrer Albin Voith (1825-1897).
Das Heraufziehen der NS Herrschaft verfolgte Friedrich Roth von Anfang an mit großer Sorge. Jung verheiratet ritt er regelmäßig aus innerer Unruhe und mit einer Vorahnung, dass Hitler und seine Unterstützer Deutschland in den Abgrund führen werden, frühmorgens mit seinem Pferd aus, weil ihn die Sorge nicht mehr schlafen ließ. Besonders empörte ihn auch, dass von ihm ursprünglich hochgeschätzte Theologen, bei denen er auch bewusst studiert hatte, wie die Professoren Althaus und Ehlert sich zumindest anfangs von nationalsozialisten Sympathien leiten ließen.
Im Dilemma, seine Familie nicht gefährden zu dürfen, wusste er, dass er seine Worte klug wählen musste, zumal er regelmäßig von Spitzeln der Gestapo in seinen Predigten abgehört wurde. Gleichwohl begrüßte er die "Herrschaften" in der letzten Reihe immer explizit, um zu demonstrieren, dass er und die Gemeinde über die unerbetenen Gottesdienstbesucher im Bilde waren.
Einem Zufall war es zu verdanken, dass er nicht echten Repressalien ausgesetzt war, weil ein NSDAP Funktionär wohl seinen Abtransport im Hintergrund verhinderte. Als eines Tags Männer in Gestapo Ledermänteln vor der Haustüre des Pfarrhauses in Weissenstadt standen, um ihn abzuholen, verwies Friedrich Roth darauf, dass der Familie Stunden zuvor ein weiteres Kind geboren worden war und die Herren am Folgetag kommen mögen, was dann nicht geschah. Friedrich Roth hat im Rückblick für die evangelische Landeskirche in aller Zurückhaltung beschrieben, wie er frühzeitig erkannt hatte, welch Unheil der Nazinalsozialismus über die Welt bringen wird.
"Der Roth war der einzig Gscheite", zitierte Friedrich Roth in diesem Rückblick auf sein Berufsleben ein Gemeindemitglied nach dem Krieg, als viele zu verstehen begannen, welcher diabolischen Verführung sie erlegen waren.
Die Zusammenkunft mit Gleichgesinnten war in dieser Zeit überlebenswichtig. Zum Gedankenaustausch und zum Musizieren. Man traf sich wöchentlich in einer kleinen Gruppe von gesinnungsmäßig verlässlichen Personen bestehend aus Pfarrern (u.a. sein Bruder und ebenfalls Pfarrer Theodor Roth), Lehrern, Mitgliedern lokaler Adelsfamilien und Angestellten aus Porzellanfabriken meist bei der Pfarrfamilie Spieß in Röslau. Hier beginnt auch die erste große Schaffenphase von Friedrich Roth im Hinblick auf seine Kompositionen. Vielfach kamen die Werke dann in sogenannten Abendmusiken z.B. in Weissenstadt, Röslau, Marktleuthen. Kirchenlamitz oder Thumsenreuth bei Erbendorf zur Aufführung.
Die Familie litt auch in den Kriegsjahren zunehmend an Mangel, insbesondere als Friedrich Roth 1943 als Pfarrverweser nach Arzberg in der Oberpfalz geschickt worden war, weil dann Einnahmen aus Kausalien wie Taufen, Hochzeiten und Beerdigungen in der Haushaltskasse fehlten und im Haus neben der Hausherrin die sechs Kinder, das Dienstmädchen, die Hauslehrerin und eine Flüchtlingsfamilie ernährt werden mussten. Friedrich Roth wurde 1944 mit 44 Jahren zudem doch noch zum Militär eingezogen. Es war ihm zutiefst zuwider in einer Armee dienen zu müssen, in deren politischen Anführern er nur Verbrecher sah. Er hatte wohl überwiegend Botendienste im Raum Düsseldorf mit einem Fahrrad zu erledigen und nach eigenem Bericht zum Glück nur ein kaputtes Gewehr, das ihn davor bewahrte, in diesem Krieg schießen zu müssen.
Nach seiner Zeit als Pfarrer in Weißenstadt im Fichtelgebirge war er von 1946 bis 1968 in Schauenstein in Oberfranken tätig. Dort etablierte er mit seiner Frau ein Pfarrhausleben in der Tradition des 19. Jahrhunderts, das dessen kulturelles Selbstverständnis nochmals idealtypisch aufleben ließ. Der Geist im Pfarrhaus war trotz der traditionell konservativen Ausrichtung nicht ideologisch verbohrt oder engstirnig, wohl auch weil in Friedrich Roth eine künstlerische Ader floß, die sich in seiner Begabung als Musiker, Komponist und Maler ausdrückte.
Seine Frau, Marie-Luise Roth stand nicht nur dem großen Haushalt vor, sondern etablierte wie schon in der Zeit in Weissenstadt Frauenkreise für viele zur damaligen Zeit noch bildungsferner sozialisierte Haus- und Landfrauen, die dieses Angebot überaus schätzten.
Das Pfarrhaus in Schauenstein war ein Ort für Kunst und Kultur. Friedrich Roth komponierte eine Vielzahl von Werken für Chor und Orchester, immer an den Fähigkeiten und der Verfügbarkeit von Musikern - meist Laien - vor Ort orientiert. In den Gottesdiensten leitete er selbst die Aufführungen durch Chor und Orchester der Kirchengemeinde in Schauenstein. Im Studierzimmer entstanden die Kompositionen von Friedrich Roth.
Hier auf dem Foto links ein Einblick: Der Flügel dominierte den Raum. Auf dem Notenpult sind in der Entstehung befindliche Kompositionen zu sehen. Oben rechts an der Wand ein Foto seines Vaters, Johann Albrecht Roth und links daneben der Schreibtisch, über dem der "Alte Fritz" aus einem vom Schwiegervater (Friedrich Kipp, u.a. Pfarrer an St. Moritz in Coburg) von Friedrich Roth gezeichneten Bild herabgrüßt. Friedrich der Zweite war im protestantischen Umfeld geachtet und wurde von Friedrich Roth auch als große Person der Vergangenheit geehrt.
Auszugsweise kann im Hinblick auf das reiche kompositorische Schaffen von Friedrich Roth auf Stücke verwiesen werden, die sein Sohn, der Musikwissenschaftler und Geigenbauer Hans-Ulrich Roth, veröffentlicht hat.
Der Großteil des sehr umfangreichen Werks von Friedrich Roth ist allerdings noch nicht ediert und veröffentlicht. Es ist im Sinne heute z. B. auch in der Anglikanischen Kirche geübter Praxis (leichter spiel- und singbarer Sätze z. B. von John Rutter) im besten Sinne "Gebrauchsmusik". (nächstes Kapitel) Sie changiert zwischen barockem Satz und spätromantischer Anmutung.
Auch als Pfarrer mit dem Pferd hat Friedrich Roth überregional Aufmerksamkeit erworben, ersetzte doch für weite Teile der Gesellschaft von den 1950er Jahren an zunehmend das Auto als Fortbewegungsmittel Mobilität im Sattel. (siehe weiter unten)
Seine Jahre im Ruhestand verbrachte Pfarrer Friedrich Roth in Naila, wo er im Alter von 82 Jahren verstarb.
Auch das Fränkische Freilandmuseum hat die Groß-Pfarrersfamilie Roth im Zusammenhang mit der Ausstellung "Nicht Dorfhaus und nicht Villa... Pfarrhäuser in Franken" im Jahre 2017 genannt.
Publikationen, Bücher & Zeitschriften - Fränkisches Freilandmuseum Bad Windsheim
Seine Kompositionen - Musik für die Musizierenden
Friedrich Roth war im Pfarrelternhaus in Döbra und später Schauenstein früh mit Musik konfrontiert.
Sein Neffe, Eberhard Bock, hat im Buch "Soweit die Stimmen tragen - Musikalische Bilder eines Jahrzehnts im Windsbacher Knabenchor unter Hans Thamm 1952-1962" seine Erinnerungen auch mit Verweisen auf Friedrich Roth angereichert. Er berichtet, dass die drei späteren Schauensteiner Pfarrer Johann Albrecht Roth, der Vater von Friedrich Roth sowie Karl Kimmel, ein Onkel von Friedrich Roth sowie Friedrich Roth selbst biographische Bezüge nach Windsbach hatten.
Johann Albrecht Roth war unmittelbar nach seinem Theologie-Examen von 1894 an ca. 2 Jahre als Präfekt im sog. Pfarrwaisenhaus Windsbach tätig. Karl Kimmel besuchte von 1884 an beginnend mit seinem 10. Lebensjahr das Internat und Progymnasium. Friedrich Roth war in der Zeit von 1910 bis 1916 in Windsbach. Anfang der 1920er Jahre war er nach dem Abitur in Ansbach ebenfalls als Präfekt tätig und versah einen Dienst als Lateinhilfelehrer und - für die musikalische Entwicklung wichtig - gründete und leitete einen Schülerchor. Man darf behaupten, dass diese Aktivität eine der ersten Wurzeln ist, aus denen später - nach dem zweiten Weltkrieg - der Windsbacher Knabenchor entstand. Eberhard Bock zitiert aus einem Gespräch mit einem Zeitzeugen, dass Friedrich Roth unter den Schülern sehr geschätzt war, weil ihm das "Disziplinierungsgehabe" fehlte, und er durch liebenswürdigen Umgang mit den Schülern und seine musikalische Begabung große Anerkennung genoss.
Nach musikalischen Studien, die er neben dem Studium der Theologie in Erlangen und Rostock betrieb, begann er bald eigene Kompositionen zu schreiben. Mit Freunden und musikalisch gebildeten Menschen aus dem überwiegend akademischen Umfeld wurden diese Werke aufgeführt. Neben der Tätigkeit als Pfarrer professionalisierte er seine Kompetenzen insbesondere im Bereich der Kirchenmusik und war als Leiter von Chor und Orchester tätig, vorallem in seiner Schauensteiner Zeit.
Der Musikwissenschaftler und Geigenbauer Hans-Ulrich Roth (1954-2016), der jüngste Sohn von Friedrich Roth, hat mit der Edition der Werke begonnen. Ein Großteil des Werks ist aber immer noch nicht ediert und liegt nur in handschriftlich verfasster Partitur mit den jeweiligen Einzelstimmen vor.
In der von Hans-Ulrich Roth vorgenommenen kleinen Teilausgabe der Werke führt er in die Musik von Friedrich Roth in der Vorbemerkung zur Ausgabe der Werke ein. Hieraus wird nachfolgend zitiert.
"Ein Notendruck ist immer eine Übersetzung der originalen Handschrift. Er suggeriert
eine Endgültigkeit, die ihm nicht zukommt: Die Handschrift ist dynamisch, offen, allenfalls Ausdruck der jeweiligen Umstände zum Zeitpunkt der Niederschrift. Korrekturen, Ergänzungen, Alternativen können hier gleichzeitig neben und miteinander existieren. Der Druck dagegen ist starr, er kann nur eine Version vertreten und muss andere außen vor lassen. Er stellt eine künstlich gewonnene Lesart vor. Er legt fest.
In gewissen Sinne ist der Druck als vermeintlich letzter Wille des Autors, jedoch eigentlich des Herausgebers, auch eine Art Archivierung, ja eine Art Begräbnis eines lebendigen und dynamisch verlaufenden Schaffensprozesses, der unter Umständen sogar im Extremfalle gegen die Intentionen des Autors stehen kann.
Das bitte ich immer zu bedenken, damit diese Ausgabe der Werke meines Vaters den Charakter seiner Musik nicht verfälschen helfen möge, eine Musik, die nie Selbstzweck war oder sein sollte, die flexibel den jeweiligen Verhältnissen angepasst, den gerade zur Verfügung stehenden Musikern auf den Leib geschrieben worden war und bei späterer Wiederaufführung selbstverständlich - wenn nötig - auch verändert wurde. Ich habe die Werke meines Vaters immer als musikalische Predigten verstanden, d. h. seine Musik sollte der Verkündigung der Wortes Gottes dienen. Daraus schöpft sie ihre Kraft, dem untersteht Sinn und Zweck ihrer Aufführung. Wie auch in einer Rede musste bei der Aufführung dieser Musik das Gegenüber, der Hörer als Angesprochener ernst genommen, die Situation wie auch der Raum und Rahmen berücksichtigt werden. Bei einer erneuten Aufführung kann sich das alles ändern.
Die Musik Friedrich Roths ist gerichtet, gerichtet an den Zuhörer, ausgerichtet auf Bedürfnisse und Fähigkeiten. Reißt man sie aus diesen Zusammenhängen heraus, wird ihr Verständnis schwierig. Das genau ist das Problem, wenn wir heute eine solche Musik, die nicht um der Kunst selbst Willen entstanden ist, wieder aufführen wollten.
Aber genau diese Ausrichtung war auch, neben der Lust am Schaffen, der Motor für die Entstehung dieser Werke: Eine neue Situation, eine neues Weihnachtsfest, eine neue Hochzeit, aber auch andere Musiker, sogar ein anderes Instrument, wie im Falle der Orgelchoräle für die Kirchenlamitzer Orgel mit 3 {!) Manualen etc. mussten fast zwangsläufig auch eine neue Komposition hervorbringen. Selbstverständlich werden auch die kompositorischen und satztechnischen Mittel, natürlicherweise in Abhängigkeit der eigenen Fähigkeiten, den jeweiligen
Umständen angepasst. In diesem Abhängigkeitsverhältnis, in dieser Not-wendigkeit liegt auch der Reichtum dieser Musik, auch wenn dieser vermeintlich bescheiden ist.
Die Kompositionen Friedrich Roths liegen deshalb so gut wie nie in einer "endgültigen” Reinschrift vor. In den vielen Fällen gibt es eine Fülle von manchmal nur skizzenhaft mit Bleistift geschriebenen Alternativen, Korrekturen, Ergänzungen und Anmerkungen zum Notentext, auch Gedankenfetzen, nicht weiter ausgeführt, ohne sichtbare Konsequenzen. Man schaut, betrachtet man seine Partituren, nicht auf ein fertiges Kunstwerk, sondern in die Werkstatt eines Schaffenden.
Genau hier liegt auch das Problem einer Ausgabe der Kompositionen Friedrich
Roths: Es gibt nicht wie z.B. Bruckner eine "x-te und letztgiltige” vom Künstler autorisierte Fassung. Als solche darf diese Ausgabe auf gar keinen Fall verstanden werden...
Hans-Ulrich Roth, im März 2001"
Folgende Werke wurden von Hans-Ulrich Roth herausgegeben:
Alphabetisches Verzeichnis:
Alle eure Sorgen werfet auf ihn, Motette a 4. 1962
Allein Gott in der Höh sei Ehr, Choralvorspiel, 1943
Also liebt Gott die arge Welt, Kurt Müller-Osten, Choralbearbeitung {eig. Mel.) a 4, 1954
Befiehl dem Herrn dein Wege, Motette a 4. 1962
Christus - Hymnus, Pil. 2, 5 - 11, Motette a 4, 1972
Da aber die Zeit erfüllet war, Gal. 4, 4 - 5, Motette a 6, 1947
Das Vierte Hauptstück (Taufe), M. Luther, Motette a 4, 1943
Das Wort ward Fleisch, Joh. 1, 14, Motette a 4, 1962
Dein Wort ist meines Fußes Leuchte, Ps. 119, 105, Motette a 4, 1963
Deinen Frieden, o Jesu, Gebet, Motette a 3, 1943
Der Herr ist mein Hirte, Ps. 23, 1 - 4 Motette a 4, 1965
Der Herr ist mein Hirte, Ps. 23, Motette a 4, 1972
Der Herr ist mein Teil, Kl. Jerem. 3, 24 - 25, Duett, 1963
Eine kleine Freude gibt, Hans Fischer, Lied a 4, 1954
Ewiger Gott, du Vater des Lichtes, Gebet, Motette a 3, 1943
Frankenwaldlied, Hans Fischer, Lied a 4, 1953
Freuet euch in dem Herrn, Kantate, 1940
Gelobet seist du, o Gott, Gebet, Motette a 3, 1943
Gib dich zufrieden und sei stille, Choralbearbeitung, Chor und Instr., 1961/62
Halleluja! Lobet im Himmel den Herrn, Ps. 148, Motette a 4. 1952
Halleluja! Singet dem Herrn ein neues Lied, Ps. 149, 1 - 4, Motette a 4, 1963
Herr Jesu, der du uns das Licht, Gebet, Motette a 3 und Orgel, 1943
Herr, vor deinem Angesicht, Ida Saalfrank, Aria/Festmusik, Chor und Instr., 1953
Ihr aber seid das auserwählte Geschlecht, 1. Petr. 2, 9 - 10, Motette a 3 mit Instr., 1940
In deinen Händen, Herr, steht meine Zeit, M.-L. Roth, Choralbearbeitung (eigene Mel.), Chor und Instr. 1954
Ist jemand in Christo, 2. Kor. 5. 17, Motette a 3 und Instr., 1940
Jauchzet Gott alle Lande, Ps. 66, 1 - 3a, 4, Motette a 4, 1962
Laßt uns Gott, den Herren preisen, M.-L. Roth, Aria/Festmusik, Chor und Instr., 1953
Liebster Jesu, wir sind hier, Choralvorspiel, 1943
Lobe den Herren, o meine Seele, Choralsatz a 5, 1953
Mein Mund soll verkündigen, Ps. 71, 15 - 23, Kantate, 1954
Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, Motette a 4. 1962
O daß ich tausend Zungen hätte, Choralvorspiel, 1943
O Herr Jesu Christe, Gebet, Motette a 3 mit Orgel und Flöte/Vi., 1943
Ostermorgen, Text: Marie-Luise Roth, Lied/Kantate, 1954
Sei Lob und Preis dem höchsten Gut, Choralbearbeitung, Chor und Instr., 1961
Singet Gott zu dieser Stunde, Ida Saalfrank, Aria/Hochzeitsmusik, Chor und Instr., 1953
Sollt ich meinem Gott nicht singen, Choralbearbeitung, Chor und Instr., 1961
Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, Ps. 23, 4, Aria, 1953
Vater des Lichts, sende heute und allezeit, Gebet, Motette a 3, 1943
Wie der Hirsch schreit nach frischem Wasser, Psalm 42, 1 - 6, Duett mit Instr., 1961
Wie lieblich sind deine Wohnungen, Psalm 84, 1 - 5, Motette a 6, 1950
Wir wissen aber, daß denen, die Gott lieben, ..... Motette a 4. 1962
Friedrich Roth hat als Komponist auch an den "Dreihundert Intonationen" zum Evangelischen Kirchengesangbuch mitgewirkt, die im Chr. Kaiser Verlag München 1962 erschienen sind.
Dieses Vorwort verweist auf Friedrich Roth als einen der Komponisten.
Der Maler und Zeichner
Friedrich Roth hat nie eine Kunstakademie besucht oder sich professionell zum Malen und Zeichnen ausbilden lassen. Der Wunsch, einen solchen Weg einzuschlagen, war wohl in jungen Jahren vorhanden. Das sichere Fundament des Pfarramtes hat letztlich den Vorzug erhalten. Gleichwohl: Von frühester Kindheit an war Friedrich Roth ein leidenschaftlicher Zeichner und versuchte sich später auch an Gemälden. Seine vielen Skizzen - vielfach von den von ihm so geliebten Pferden (siehe auch die Soldatenszenen unten) - zeugen gerade als Kind und Jugendlicher von besonderem Talent und geben auch Einblick in die damalige Zeit, die er mit Stift und Feder festgehalten hat.
Der Pferdefreund
Neben der Musik, dem Komponieren und Zeichnen galt seine Leidenschaft Zeitlebens den Pferden.
Er hat hierzu auch in seinen Erinnerungen geschrieben: "Der Stall war leer - Erinnerungen eines Pferdefreudes" lautet der Titel, aus dem hier auszugsweise Passagen vorgestellt werden:
"Mein Sehnen und mein Träumen galt dem Besitz eines Pferdes. Ich weiß nicht, woher meine Neigung zum Pferde kam. Waren es die paar Klepper, die in unserem Walddörfchen waren, dass sie und ihr Duft meine Sinne berauschten? Oder war es der steife Schimmel, der des öfteren Eltern und Kinder zur fernen Bahn fuhr, wenn die Zeit des Urlaubs gekommen war, oder der hagere Braune des Gemüse- und Schweinehändlers oder der niedrige Fuchs eines Bauern im Dorf?... Oder war es ein Erbgut von meinem Vater her, der als junger Student sehnsüchtig den reitenden Kommilitonen nachgesehen hatte, ohne selbst sich auf dem Rücken eines Pferdes tummeln zu dürfen?
Oder war es das mütterliche Erbe eines markgräflichen Stallmeisters und reitenden Gerbermeisters aus dem vorherigen Jahrhundert, das sich in mir wieder regte?
...Unsere Jugendzeit verbrachten wir mit "Pferdespielen". In der Früh mit dem Aufwachen ging es an und mit dem Einschlafen am Abend hörte es auf. Selbstverständlich wurden die Stühle zu Pferden und Nähmaschinen oder Tische zur Kutsche; oder wir waren selbst die Pferde und zogen im Sommer den Wagen, im Winter den Schlitten oder trugen als Reitpferde im Trab oder Galopp unsere Geschwister auf dem Nacken.
Zuweilen bekamen wir auch einmal zu Weihnachten ein Spielzeugpferd; aber diese gekauften Pferde befriedigten unser Formempfinden so wenig, dass wir nun selbst hergingen und Pferde aus elastischem Karton schnitten. Mit dem Huf des rechten Hinterbeines wurde begonnen und nachdem die Schere wieder den Huf des rechten HInterbeines erreicht hatte, stand das Pferd da. In Ruhe oder im Schritt oder Trab oder Galopp oder bäumend oder springend: Reitpferde, Chaisenpferde, Lastpferde oder gar Klepper mit eingesenktem Hals, mit "Knien nach der Heimat", Schweinshändler- oder Fuhrmannspferde.
Dann kam der Farbkasten in Gebrauch und es entstanden Schwarze, Braune, Falben, Schimmel, Chaisen- und Lastpferde, es wurden Kutschen und Wagen gezimmert und geschnitten...
...Wir zeichneten gerne, aber nichts befriedigte uns so, wie das Zeichnen von Pferden. Freilich gelang das nicht von heute auf morgen, so wenig wie das Pferdeschneiden. Zu meinem Leidwesen sahen sie zunächst der Giraffe ähnlicher als dem Pferde. Mutlos legte ich den Bleistift hin, um jedoch nach einiger Zeit mit neuer Energie ausgestattet dem Problem abermals an den Leib zu rücken.
Ich weiß noch, welche Freude es in mir auslöste, als einmal meine Großmutter, die sich viel mit uns beschäftigte, einen Pferdekopf an die Wandtafel malte, der dem Kopf eines Pferdes ähnlicher sah, als die, die ich bisher fertiggebracht hatte....
Umso größer war die Freude, als mit der Zeit meine Pferde immer pferdeähnlicher wurden; kein Wunder, wenn die Begeisterung, Pferde zu zeichnen und zu malen mehr und mehr zunahm und anhielt bis in die späten Jünglingsjahre.
...Mein Pferd war nun für mich nicht nur Luxus, half es doch redlich bei der Ausübung meines Berufes. Namentlich in den Wintermonaten leistete es gute Dienste. Da trug es mich am Abend hinaus auf die einzelnen Stationen und brachte mich sicher um MItternacht zurück. Mochte es noch so sehr stürmen und wehen und Schnee und Eis ihm um Kopf und Hals jagen, unverdrossen stapfte es seinen Pfad. Nur wenn der Schnee sich zu sehr türmte, dann stieg der Reiter ab und führte sein Pferd am Zaum hinter sich her...